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Die Piratenkriege im Mittelmeer - Amerika gegen Berber PDF Drucken E-Mail
Montag, den 23. Mai 2011 um 03:59 Uhr

An den Küsten des Horns von Afrika vor Somalia treiben Piraten ihr Unwesen, eine multinationale Truppe, darunter auch Kriegsschiffe der US-Marine kreuzen dort und bekämpfen die modernen Kosaren. Die Schiffe der US-Navy sind quasi in historischer Mission unterwegs, denn die Piraterie vor Nordafrikas Küsten führte zur Gründung der amerikanischen Marine vor gut 200 Jahren. Höhepunkt waren die Barbareskenkriege, auch die Piratenkriege im Mittelmeer genannt. Das Wort Barbaresken leitet sich vom Wort Berber ab, den Ureinwohnern Nordafrikas, die Korsaren des Mittelmeeres hatten ihre Basen in Algerien (Algier), Tunesien (Tunis) und Libyen (Tripolis).


1. Barbareskenkrieg (Amerikanisch-Tripolitanischer Krieg)


Amerikanische Handelsschiffe im Mittelmeer standen bis 1776 unter dem Schutz der British Royal Navy, da sie ja englische Kolonisten waren. Während des Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) stellte England den Schutz ein, vorübergehend sprang Frankreich in die Bresche, dass die 13 Kolonien gegen England unterstützte. Nach dem erfolgreichen Abschluss der amerikanischen Revolution im Jahr 1783 wurden die nunmehr unabhängigen Kolonien selbst für den Schutz ihrer Bürger und deren Handelsschiffe verantwortlich. Die neue Regierung der jungen USA verfügte anfangs weder über die erforderlichen Mittel, um eine eigene Seemacht zum Schutz von unbewaffneten Schiffen im Mittelmeer ins Felde schicken zu können, noch über die dazugehörige Autorität. Daher wurde 1784 zunächst entschieden, die Piratenstaaten an der südlichen Mittelmeerküste wie schon vor der Revolution mit Tributzahlungen zu besänftigen, diese Praxis übten auch große Seefahrernationen wie Großbritannien, Spanien oder Frankreich aus, um die Handelswege freizuhalten.
Der Handel mit den Staaten am Mittelmeer blühte, rund 25 Prozent der amerikanischen Exporte von Trocken- und Salzfisch, sowie 17 Prozent der Weizen- und Mehlverkäufe sowie der Reislieferungen gingen an Mittelmeer-Anrainer, mehr als 80 amerikanische Handelsschiffe liefen pro Jahr Richtung Mittelmeer aus. Zwischen 1785 und 1800 gingen jährlich fast 20 Prozent des jährlichen Staatseinkommens der Vereinigten Staaten an die nordafrikanischen Kaperstaaten für Lösegelder und Tributzahlungen. Parallel dazu begannen die USA mit dem Aufbau der Marine, am 27. März 1794 bewilligte der Kongress den Bau von sechs Fregatten, Dreimastern mit einem Kanonendeck: "Wegen der Verheerungen, die von algerischen Korsaren dem Handel der Vereinigten Staaten zugefügt werden", die Keimzelle der amerikanischen Kriegsmarine war geboren, aufgrund des "Friedens von Algier vom 2. März 1796 liefen allerdings nur drei der sechs geplanten Schiffe vorerst vom Stapel.
Aufgrund unterschiedlicher Zahlungen von den Vereinigten Staaten an die verschiedenen Piratenstaaten fühlte sich der Bey von Tripolis Youssuf Karamanli ungerecht behandelt und erklärte den USA am 14. Mai 1801 formell den Krieg, mit Äxten bewaffnete Tripolitaner waren zur amerikanischen Botschaft gezogen und hatten den Mast mit der US-Flagge gefällt, dass in Nordafrika traditionelle Zeichen zur Eröffnung von Feindseligkeiten, eine gesonderte Tributzahlung in Höhe von 250.000 Dollar hatten die USA verweigert.
Schon vor der eigentlichen Kriegserklärung aus Tripolis an die Vereinigten Staaten machte sich am 2. Juni 1801 ein kleines Geschwader, bestehend aus drei Fregatten und einem Schoner, auf den Weg ins Mittelmeer. Am 1. August 1801 kam es zu einer dreistündigen Schlacht mit einem Schiff des Paschas von Tripolis, 30 Tripolitaner verloren ihr Leben, die Amerikaner hatten keine Verluste. Nach diesem Vorfall erklärten auch die USA ihrerseits Tripolis offiziell den Krieg.

Die USS Philadelphia

Die nächsten Aktionen der neuen US-Navy fallen unter den Begriff Pleiten, Pech und Pannen.
Richard Valentine Morris, Kommandeur des Mittelmeergeschwaders, vergaß es, sich bei einem Besuch in Tunis gebührend von seinem Gastgeber, dem Bey von Tunis zu verabschieden, dieser nahm ihn gefangen. Erst gegen die Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von 34.000 Dollar erlangte Morris die Freiheit wieder. Morris wurde wegen seiner diplomatischen Unfähigkeit abberufen.
Sein Nachfolger Edward Preble verlor die USS "Philadelphia" an Tripolis. Bei der Verfolgung eines Piratenschiffs lief die Philadelphia auf ein Riff und konnte sich aufgrund der Schräglage des Schiffs nicht verteidigen, 300 Amerikaner gerieten in die Gefangenschaft des Bey von Tripolis. Zu allem Überfluss gelang es den Tripolitanern, das Schiff bei Flut wieder freizubekommen, eine gelungene Verstärkung zur Verteidigung des Hafens von Tripolis. 
Kommandant Preble befahl die Versenkung der "Philadelphia" durch eine Kommandoaktion: 75 Freiwillige unter dem Kommando von Leutnant Stephen Decatur machten sich am 16. Februar 1804 in einer mondlosen Nacht mit einem ehemals tripolitanischen Segler auf den Weg. Die Philadelphia ging wie befohlen in Flammen auf, da die Kanonen geladen waren, entzündete sich die Munition und das Schiff trieb ziellos feuernd auf den Palast des Paschas zu bevor es in einer gewaltigen Explosion  verging und brenndende Trümmerstücke über die ganze Stadt verteilte. Die Amerikaner zogen sich in dem Chaos unbemerkt zurück, sie hatten nur einen Verletzten zu beklagen. Stephen Decatur wurde mit 25 Jahren zum jüngsten Kapitän der Marine befördert. 

Im Sommer 1804 griff Admiral Preble Tripolis direkt an, da die monatelange Blockade keinen Erfolg gezeigt hatte. Unterstützung erhielt er vom verbündeten König von Sizilien, der ihm sechs Kanonenboote und zwei Schiffe mit schweren Mörsern zum Küstenbeschuss zur Verfügung stellte. Aufgrund widriger Wetterumstände gelang es nicht, in voller Kampfstärke in den Hafen einzulaufen. Der Angriff musste abgebrochen werden, das Angebot über eine Zahlung von 125.000 Dollar für die Freilassung der 300 Amerikaner schlug der Pascha von Tripolis aus.
Nachfolgend wurde schwereres Geschütz aufgefahren, der Segler, mit dem schon das Unternehmen zur Versenkung der Philadelphia durchgeführt wurde, wurde mit 100 Fässern Schießpulver und 150 Granaten in eine schwimmende Bombe verwandelt. Aus ungeklärten Ursachen explodierte das Schiff aber schon vorher, Somers und die Mannschaft wurden getötet.
Wieder wurde der Oberbefehlshaber ausgetauscht, fünf Tage nach der misslungenen Aktion traf Samuel Barron mit vier neuen Fregatten ein. 
Der Wendepunkt des Krieges war die Schlacht von Derna im April und Mai 1805, die durch einen Angriff auf dem Landweg eingeleitet wurde, an dem amerikanische Marineinfanterie sowie arabische, griechische und berberische Söldner teilnahmen.
Zermürbt durch die Blockade, Angriffe und ausbrechende Hungerunruhen unter der tripolitanischen Bevölkerung und in Sorge, dass sein abgesetzter älterer Bruder Hamet wieder als Herrscher eingesetzt werden könnte, unterzeichnete Youssef Karamanli am 10. Juni 1805 einen Waffenstillstandsvertrag. Der amerikanische Senat bestätigte diesen im folgenden Jahr. Im Vertrag wurde ein Gefangenenaustausch vereinbart, in dem etwa 300 Amerikaner gegen etwa 100 Tripolitaner und 60.000 Dollar gegengerechnet wurden.
Das Problem der Piraterie an der nordafrikanischen Küste war nicht endgültig gelöst, schon 1807 begann Algier wieder, amerikanische Schiffe festzusetzen. Erst 1815, nach dem britisch-amerikanischen Krieg, erreichten die USA im Zweiten Barbareskenkrieg einen dauerhaften Sieg.

2. Barbareskenkrieg

In den nachfolgenden Jahren konnten sich die USA nicht mehr um das Piratenproblrem kümmern. Die Royal Navy vertrieb amerikanische Schiffe aus dem Mittelmeer, was in dem "Britisch-Amerikanischen Krieg" zwischen den USA und Großbritannien gipfelte, der mit der Kriegserklärung der USA am 18. Juni 1812 begann und durch den Frieden von Gent vom 24. Dezember 1814 beendet wurde.
Am 3. März 1815 bewilligte der amerikanische Kongress die Ausrüstung einer Militärexpedition von zehn Schiffen unter den Kommandanten Stephen Decatur Jr. und William Bainbridge, beide Veteranen aus dem ersten Barbareskenkrieg. Am 20. Mai 1815 lief Decaturs Geschwader Richtung Mittelmeer aus. Bainbridge konnte erst am 1. Juli auslaufen und verpasste damit die Kampfhandlungen.
Kurz nachdem Decatur Gibraltar passiert hatte, traf sein Geschwader auf das algerische Flaggschiff Meshuda und zwang es nach kurzem Kampf die Flagge zu streichen. Dabei kam auch dessen Kapitän Hamidu Reis ums Leben. Kurz danach fiel ihnen auch noch die algerische Brigg Estedio in die Hände. In der letzten Juniwoche erreichte er schließlich Algier und verhandelte mit dem Dey. Durch das Bestehen auf Kompensationszahlungen – vermischt mit Zerstörungsdrohungen – zwang Decatur den Dey, dem Vertrag zuzustimmen.
Am 3. Juli 1815 wurde in der Bucht von Algier an Bord der Guerriere der Vertrag unterzeichnet. Decatur stimmte darin zu, die Estedio und die Meshuda zurückzugeben, während die Algerier alle amerikanischen Gefangenen (ca. 10) zusammen mit einer größeren Zahl europäischen Geiseln gegen 500 algerische Geiseln und 10.000 $ Kompensationszahlungen austauschen mussten. Der Vertrag garantierte den USA außerdem keine weiteren Tributzahlungen und freies Geleit für alle amerikanischen Schiffe.
Kurz nachdem Decatur Richtung Tunis ausgelaufen war, um den Bey von Tunis und später dem Pascha von Tripolis einen ähnlichen Vertrag aufzuzwingen, erklärte der Dey von Algier den Vertrag für nichtig. Im Folgejahr lief jedoch eine Britisch-Holländische Flotte unter dem Befehl des britischen Admirals Edward Pellew, Lord Exmouth, in die Bucht von Algier ein, versenkte dort die gesamte algerische Flotte und bombardierte die Stadt neun Stunden lang. Dadurch war der Dey gezwungen, einen zweiten Vertrag zu unterschreiben, worin er Decaturs Konditionen bestätigte. Außerdem musste der Dey darin versichern, keine Christen mehr als Sklaven zu nehmen.
Die Barbareskenstaaten verloren nach dem zweiten Barbareskenkrieg zusehends an Macht. Algerien und Tunesien wurden 1830 bzw. 1881 französische Kolonien, während Tripolis 1835 wieder unter die Kontrolle des osmanischen Reiches fiel und 1911 italienische Kolonie wurde. Mit dem Aufkommen moderner, eiserner Kriegsschiffe Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Zeitalter der Piraterie im Mittelmeer endgültig beendet.



Quellen:
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/piraten-kampf-den/1964112.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Barbareskenstaaten 
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Piraterie
http://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanisch-Tripolitanischer_Krieg
http://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Barbareskenkrieg 
http://de.wikipedia.org/wiki/Britisch-Amerikanischer_Krieg 

Bilder: Wikipedia (GNU)