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Europäisches Flüchtlingsboot vor Tunis gekentert! - GLOSSE! PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 18. Juni 2009 um 20:17 Uhr

Tunis, 20. Juni 2055, ma
Heute im Morgengrauen ist wieder ein überfülltes Boot mit Menschen aus Schweden, Polen, Deutschland, der Schweiz und Holland vor der Küste von Tunis gestrandet. Die tunesische Marine konnte lediglich siebzehn Menschen retten, es wird vermutet, dass mehr als fünfzig (darunter Frauen und Kleinkinder) ertrunken sind. Dieser Vorfall hat die Gemüter auf beiden Seiten des Mittelmeeres bewegt, die nordafrikanischen Medien zeigten Bilder des Grauens: eine junge blonde Frau (Schweizerin, wie man herausgefunden hat) treibt in Rückenlage auf dem Wasser, unverkennbar ist, dass sie hochschwanger ist oder war. Ein deutscher Mitinsasse des Bootes berichtet, dass sie die Wehen mitten auf dem Mittelmehr bekam und dass niemand ihr helfen konnte. "Plötzlich", sagte der junge Deutsche aus, der zum dritten Mal illegal nach Nordafrika auszuwandern versucht, "plötzlich schaukelte das Boot, es wurde immer heftiger, wie im Rhythmus der Wehen der Frau. Und dann kam eine Welle, eine einzige, grosse Welle, die das Boot umkippte." Wer noch die Kraft hatte, hielt sich fest. Die Schwangere taumelte als eine der ersten Passagiere. "Ich habe ihr die Hand gereicht", sagt der Deutsche unter Tränen, "aber das Meer hat sie verschlungen. Ich hielt Ausschau nach ihr, aber erst Minuten später gab das Meer ihren leblosen Körper wieder frei."

Die Lage hat sich zugespitzt: seit dem extremen Dürrejahr 2055 ist in Europa, besonders in der Schweiz, eine prekäre Situation für die Menschen entstanden: Viele haben Hunger. Gewalt und Kriminalität sind an der Tagesordnung. Die Politik ist machtlos gegenüber dem katastrophalen Zustand des Landes und gleichzeitig – um Unruhen zu unterbinden – beschliesst der Bundesrat drastische Massnahmen wie Ausgangssperren, Grenzkontrollen (bei denen es nicht darum geht, wer herein darf, sondern wer hinaus kann)... Das Militär und die Polizei beherrschen das Strassenbild von Zürich, Bern, Basel und St. Gallen sowie Genf. Besonders Genf wird polizeilich kontrolliert, denn von dort aus wandern die meisten Schweizer nach Frankreich und illegal weiter nach Nordafrika aus, wo es Arbeit und Brot gibt. Die Daheimgebliebenen bangen um ihre Angehörigen, denn auf kleinen Lastern und später auf kleinen Booten versuchen die verzweifelten jungen Schweizer, das Mittelmehr zu überqueren. Nordafrika hat Frankreich aber ein Abkommen aufgezwungen, um diesen Strom aufzuhalten. Dieses Abkommen sieht vor, dass die französischen Behörden jeden Versuch seiner BürgerInnen und Bewohner anderer europäischer Länder, nach Nordafrika auszuwandern, zu unterbinden haben. Dafür zahlt Nordafrika jährlich den Behörden der südeuropäischen Länder eine hohe Summe und stellt technisches Know-how und Material zur Verfügung...

Die Flüchtlinge, die teils aus politischen, teils aus wirtschaftlichen Gründen dieses hohe Risiko auf sich nahmen, werden im Auffangzentrum Tunis-Ariana untersucht, identifiziert und anschliessend – meist ohne weitere Verfahren oder Untersuchungen – nach Frankreich zurückgewiesen. So sieht es das Abkommen von 2051 vor. Auch Bürger anderer europäischer Länder landen wieder in Marseille und müssen von dort aus wieder in ihre Heimatländer zurück reisen. Meistens aber verbleiben sie im Süden Frankreichs und warten auf die nächste Gelegenheit. So berichtet Hans Meier vor laufender Kamera: "Ich wurde in der Schweiz gesucht. Wegen meiner politischen Tätigkeit. Ich werde bestimmt nicht mehr nach Hause zurück gehen. Sie werfen mich ins Gefängnis und foltern mich. Ich werde es wieder versuchen."

Es noch einmal versuchen will es auch Peter Hauser, deutscher Staatsbürger: "Meine Familie hat alles verkauft, was sie besitzt, damit ich hier Arbeit finden und sie ernähren kann. Ich kann nicht mit leeren Händen zurück gehen. Die Schande wäre zu gross. Ich werde versuchen, von einem anderen südeuropäischen Hafen aus nach Ägypten oder Libyen zu fahren."

In den südfranzösischen Häfen berichten viele Auswanderer, die auf eine Gelegenheit warten, von einem Schlepper nach Nordafrika abgesetzt zu werden, dass sie willkürlichen Verhaftungen, Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt sind. Einige wurden aufgrund ihres Dialektes einfach wieder an die Grenze zum Nachbarland Schweiz gesetzt, oft ohne Nahrung und entsprechende Kleidung, dies nur aufgrund einer Vermutung, dass sie die Überfahrt nach Nordafrika beabsichtigen. Auch das wird im Abkommen mit Frankreich definiert. Amnesty International hat in Paris Protest gegen diese Massnahmen eingereicht, die gegen die Menschenrechte verstossen. „Die Absicht, auch wenn sie latent besteht, ein Land illegal zu verlassen, stellt noch keinen Strafbestand dar", so Amnesty International. Einige legal in Frankreich lebende Schweizer wurden aufgrund dieser Annahme verhaftet und nach einigen Tagen wieder freigelassen. So berichtet Hans Abderhalden, dass er in einer südfranzösischen Kleinstadt auf dem Heimweg verhaftet wurde und ihm die Absicht, illegal nach Nordafrika zu reisen, vorgeworfen wurde. „Nur weil sie mich mit einem Freund Schweizerdeutsch reden hörten".

Es wird vermutet, dass viele illegale Schweizer Grenzgänger zwischen Frankreich und der Schweiz den Erfrierungstod erlitten und ihre Verwandten nie wieder etwas von ihnen gehört haben.

Die erschöpften, abgemagerten Gesichter erwecken Mitleid. doch die Bürger Nordafrikas haben es satt, wöchentlich Hunderte dieser Migranten aufzunehmen. Auf den lokalen Behörden wird Druck ausgeübt, um in Schnellverfahren die Abschiebung der meisten illegalen Passagiere zu bewirken. Die allerwenigsten von den heute gelandeten siebzehn Menschen (allein in Tunis) werden ein Asyl bekommen. Und haben sie nach einem langwierigen Verfahren eine Zustimmung zum Bleiben erhalten, sind sie noch lange nicht am Ziel ihrer Träume. Denn Arbeit ist auch in Nordafrika rar geworden und so landen die meisten Deutschen und Schweizer als Kleinkriminelle wieder im Gefängnis.

Der Aussenminister der nordafrikanischen Union übt auf die europäischen Länder grossen Druck aus. Für das gebotene Geld will er, dass der illegale Flüchtlingsstrom endlich versieget. Die Behörden in Deutschland und der Schweiz gehen darum sehr hart gegen Auswanderungswillige vor. Schon bei Verdacht werden die Menschen verhaftet und ohne rechtliche Grundlage eingesperrt. Ein Flüchtling berichtet: "Sie haben mich mitten auf der Strasse aufgehalten und dann weggebracht. Ich landete im Gefängnis, weil ich zwei Jacken bei mir trug. Sie sagten, das sei ein klares Zeichen dafür, dass ich auswandern will."

Viele der heute in verschiedenen Häfen Nordafrikas gelandeten, können dank der saisonalen Bedürfnisse der Landwirtschaft während einiger Wochen auf verschiedenen Plantagen arbeiten, so lange ihre Asylanträge bearbeitet werden. Ein tunesischer Beamter bestätigt: "Wir haben mehrere tausend Anträge, die hängig sind. Die Leute können sich inzwischen nützlich machen, bei der Orangenernte oder Arbeiten im grössten nordafrikanischen Olivenölzentrum, das ganz Afrika mit Olivenöl beliefert." Einige reisen weiter gegen Süden, wo sie in der Region von Gabes bei der Dattelernte gebraucht werden. Auf diesen Plantagen herrschen jedoch menschenunwürdige Verhältnisse. Europäer schuften bis zu zwölf Stunden und bekommen dafür nur einen Lohn, der sie gerademal am Leben erhält. Mancher Schweizer hat seinen Traum, seine Familie zu unterstützen, vergraben müssen. Er kommt selber kaum durch.

Wiederum andere überqueren zu prekärsten Bedingungen die Grenzen nach Algerien oder Libyen, wo sie auf Arbeit und Auskommen hoffen.

Die Politiker sollten endlich aktiv gegen den Strom von Norden nach Süden etwas unternehmen. Ansätze sind da, aber sie fruchten nicht immer. Der ägyptische Minister für Europa-Angelegenheiten, Mohammed Ali Abdelwahab, sagte vor kurzem: "Wir haben Europa Milliarden an Entwicklungshilfe gegeben, aber Europa scheint keine neuen Arbeitsplätze für seine Bürger zu schaffen. Wenn es so weiter geht, werden wir wohl an unseren Grenzen Stacheldraht und Schussanlagen bauen müssen."

Wir bleiben gespannt, wann das nächste Boot mit Schweizer, deutschen, polnischen, holländischen und schwedischen Flüchtlingen hier strandet.

Mohammed Arjoun
Télé Afrique, Tunis

Eine Horrorvision? Undenkbar? Hirngespinst? Ja? ... Schlagen Sie in den Geschichtsbüchern nach: es wäre nicht das erste Mal, dass Europäer ihren Kontinent verlassen, weil sie Hunger und Verfolgung leiden... Gehen wir zurück nach 2009: Sie können den selben Text nochmals lesen und lediglich Europa mit Afrika austauschen und Sie haben eine Realität und keine Fiktion.

Zum Gedenken aller Flüchtlinge dieser Welt, die niemals ihre geliebte Heimat, ihre Familien und Freunde grundlos verlassen würden.

Amor Ben Hamida, geboren 1958 in Medenine (Süd-Tunesien), lebt und arbeitet in Zürich. Er wuchs im Kinderdorf Pestalozzi, Trogen, auf, wo er mit Kindern aus verschiedenen Nationen, Religionen und Sprachen zusammengelebt und schöne Kindheitserinnerungen behalten hat. Sein Leben wurde durch diese Erfahrung von Toleranz und multikultureller Umgebung geprägt. Er gibt seine Erfahrungen mit Integration in Büchern, Referaten und Lesungen weiter.

Homepage des Autors:
http://www.benhamida.ch