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Wer von uns hätte gedacht, dass eine kleine aber schreckliche Meldung in den letzten Tagen des Dezember 2010, in der von dem Selbsttötungsversuch eines arbeitslosen Hochschulabsolventen aus Sidi Bouzid, einer kleinen Stadt in Zentraltunesien, berichtet wurde, zu einem der größten Momente in der Geschichte des tunesischen Staats werden sollte? Von der Weltpresse anfangs unbeachtet drehten sich unendlich viele kleine Rädchen im Getriebe und wurden der Motor zu einer in der arabischen Welt bisher einzigartigen Bewegung: Dem Sturz eines Dikators!
Mohamed Bouazizi Mohamed Bouazizi versuchte durch seine Tätigkeit als mobiler Obst- und Gemüsehändler trotz seiner Arbeitslosigkeit seine Familie durchzubringen und wurde immer wieder durch die Behörden und die Polizei behindert und schikaniert, seine Waren wurden oftmals beschlagnahmt, er wurde bei Besuchen auf der Behörde oder bei der Polizei gedemütigt oder sogar geschlagen. In grenzenloser Verzweiflung beschloss er, seinem Leben ein Ende zu setzen, übergoss sich mit Benzin und zündete sich vor dem örtlichen Verwaltungsgebäude an. Passanten konnten ihn zwar löschen, er wurde in eine Spezialklinik in Tunis gebracht, seine Verletzungen waren aber zu schwer und er verstarb in den ersten Tagen des Januar 2011.
Die Bevölkerung Die Wut der Bevölkerung äußerte sich in lautstarken Protesten, das Regime antwortete wie gewohnt mit Tränengas, Schlagstöcken und sogar Schusswaffen. Nur diesmal ließen sich die Menschen nicht einschüchtern, einem Steppenbrand gleich verbreiteten sich die Demonstrationen im ganzen Land und erreichten schließlich auch die Hauptstadt Tunis. Erst waren es einige hundert Demonstranten, dann einige Tausend und zum Schluss gingen Zehntausende auf die Straße, um zu demonstrieren, ungeachtet der Gefahr der Verhaftung und nachfolgender Misshandlung in den Kellern des Innenministeriums. Längst war aus dem Aufstand gegen die Arbeitslosigkeit ein wütender Protest gegen die Regierung, den Polizeistaat, die allumfassende Zensur sämtlicher Medien inklusive des Internets und den allgegenwärtigen Präsidenten und Diktator Zine Abidine Ben Ali inklusive seiner Frau Leila Trabelsi und beider korrupten Familien geworden.
Der (Ex-) Präsident In drei Ansprachen an das Volk versuchte Ben Ali seine Haut und die seiner Schergen zu retten, in der ersten Ansprache beschimpfte er die Demonstranten als Verbrecher und Terroristen, schob aber ein Sofortmaßnahmenprogramm an, um die Region Sidi Bouzid zu stärken, es sollten innerhalb weniger Monate Stellen für zehntausende von Hochschulabsolventen geschaffen werden. In der zweiten Ansprache war er schon etwas kleinlauter, er versuchte mit sofortigen Preissenkungen für Brot, Zucker, Milch, Benzin und Gas die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen. Seine dritte und letzte Ansprache war von Panik und Entsetzen gekennzeichnet, er versprach die völlige Abschaffung der Zensur, die Entlassung politischer Gefangener und von den nächsten regulären Neuwahlen, bei denen er nicht mehr kandidieren wolle. Das Volk glaubte ihm nicht mehr! Während seiner Rede prügelten Sicherheitskräfte auf Demonstranten ein! Als er erkannte, dass auch das Militär nicht hinter ihm stehen würde, wählte er die Flucht aus dem Land am 14. Januar 2011.
Das Militär Das Militär spielte ebenfalls eine wichtige Rolle. Es weigerte sich von Anfang an, Gewalt gegen das eigene Volk anzuwenden. Auch die Entlassung des Oberbefehlshabers änderte daran nichts. Im Gegenteil, in manchen Regionen halfen die Soldaten den Zivilisten gegen Übergriffe durch die Sicherheitskräfte und die Polizei. Die Stunde des Miltärs schlug nach der Flucht Ben Alis. Sie schützten die Bevölkerung vor den regimetreuen Milizen, die sich aus ehemaligen Geheimpolizisten, der Präsidentengarde und Polizisten zusammensetzte und kämpfte sich in die Herzen der tunesischen Bürger. Diese revanchierten sich durch die Verpflegung der Soldaten und die Bereitstellung von Quartieren.
Das Internet Eine wichtige Rolle bei der Revolution spielte auch das Internet durch das Facebook-Netzwerk, Twitter und Blogs. Hier organisierte sich die Opposition, trotz ständiger Überwachung und Zensur fanden die Web-Aktivisten immer Wege und Möglichkeiten, sich zu verständigen und die Welt vom Geschehen in Tunesien zu unterrichten. Hervorheben möchte ich zum Beispiel den Twitterer Slim Ammamou, der unentwegt die Ereignisse veröffentlichte, in den letzten Jahren mehrfach deswegen im Gefängnis gesessen hatte und auch das Ende der Diktatur in Haft erleben musste. Slim Ammamou ist jetzt Staatssekretär für Jugend und Sport in der neuen Übergangsregierung. Oder die siebenundzwanzigjährige Bloggerin Lina Ben Mhenni, einst von der tunesischen Presse für ihre Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft der Transplantierten in Australien gefeiert, später gejagt und schikaniert. Sie veröffentlichte gnadenlos in ihrem Blog "A Tunisian Girl" und auch auf der gleichnamigen Seite bei Facebook die Schandtaten des Regimes, sie reiste trotz der Gefahren durch das Land, um durch ihre Fotos die Greuel der Sicherheitskräfte zu dokumentieren. Ihre Interviews bei den großen Medien wie Al Jazeera, France24, BBC, CNN und vielen anderen zeigten der Welt, was in Tunesien passiert. Ich hatte das Vergnügen und die Ehre, bei meiner Einreise nach Tunesien am 1. Januar 2011 Lina persönlich in Tunis kennenzulernen und kann nur den Hut ziehen vor dieser von Statur zierlichen, vom Wesen aber großen Persönlichkeit.
Tunesien helfen, aber wie? Auch sie können Tunesien helfen. Nein, nicht durch Spenden! Am meisten helfen sie Tunesien durch ihre bloße Anwesenheit. Machen Sie wie gewohnt Ferien in Tunesien. Die Revolution ging nicht gegen Touristen. Es war auch keine religiöse Revolte. Nein, es ging einzig und allein um die persönliche Freiheit. Bestrafen Sie die tunesischen Menschen nicht dafür, dass sie ihre Freiheit wollten. Viele Menschen hier werden bzw. sind schon arbeitslos, weil kaum noch Touristen im Land sind. Stornieren Sie nicht ihren Urlaub oder buchen um. Lernen Sie das Neue Tunesien mit den altgewohnten, aber jetzt freien Menschen kennen.
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