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Hier ein Artikel, den die Bloggerin und Webaktivistin Lina Ben Mhenni für die Zeitung "The Star" in Kanada geschrieben hat und ihre Sicht über den Hergang der tunesischen Revolution beschreibt. Der Artikel hat mir sehr gut gefallen und ich habe mich entschlossen, ihn ins Deutsche zu übersetzen.

Als Mohamed Bouazizi sich am 17. Dezember 2010 selbst in Brand setzte, lebte ich im Haus einer Freundin, die als Anwältin arbeitet. Zusammen begannen wir, den Aufständen anlässlich dieser Tat zu folgen, Informationen zu prüfen und zu verifizieren und diese dann mit anderen zu teilen. Meine Freundin und ich nahmen an den ersten Demonstrationen in Tunis teil, die die Bevölkerung von Sidi Bouzid, wo Bouazizi lebte, unterstützen sollten. Sie half mir, mehr über Unterstützungsaktivitäten, die von Anwälten organisiert wurden, herauszufinden. Wir verbrachten Tage und Nächte vor den Monitoren unserer Computer, lasen, schrieben und luden Fotos und Videos ins Internet. Danach hatte ich die Möglichkeit, nach Sidi Bouzid, Regueb und Kasserine zu reisen. Ich wurde mit Tränengas und Gewehrfeuer konfrontiert. Ich traf die Familien, deren Kinder durch die Polizei erschossen wurden, ich befragte sie und nahm Bilder der Toten auf. Ich werde nie meine Gefühle vergessen, die ich hatte, als ich das Haus von Nizar Slimi, der in Regueb, 38 km von Sidi Bouzid entfernt, starb. Es war das erste Mal, dass ich das Haus eines Märtyrers betrat. Die Bilder des Toten und der weinenden Familie brannten sich in mein Gehirn ein. Die Dinge, die ich in Kasserine sah, werde ich auch immer mit mir tragen. Am 11. Januar 2011 ging ich zurück nach Tunis, um weiter zu dokumentieren, was in Tunis und den Armenvierteln der Vorstädte passierte. Am 13. Januar war ich angewidert durch die Rede des Präsidenten und die Reaktion seiner Unterstützer, die die Märtyrer vergessen hatten, die durch die Straßen zogen und "Lang lebe Ben Ali" skandierten. Ich weinte die ganze Nacht vor Sorge um das Schicksal der Revolution. Am nächsten Tag wurde ich allerdings wieder ermutigt, als Tunesier auf die Straße gingen und riefen "Ben Ali dégage - Ben Ali raus!". Ich war vor dem Innenministerium mit Tausenden von Demonstranten der unterschiedlichsten politischen Ausrichtungen, Überzeugungen, Geschlechter und Altersgruppen. Alle Tunesier war da! Ich war mit dem Mann da, den ich am meisten auf dieser Erde liebe, meinem Vater, der mich ausgebildet hat und der immer hinter mir stand. Und mit meiner Mutter, die mir zweimal das Leben schenkte, einmal bei meiner Geburt am 22. Mai 1983 und später, als sie mir eine Niere spendete, als meine versagten. Unsere Freude und unser Glück waren groß, als wir hörten, dass der Diktator geflohen sei. Eine neue Ära begann.
Die Tunesische Revolution begann bereits ein paar Jahre früher. Im Jahre 2008 startete eine große soziale Bewegung gegen Korruption und Arbeitslosigkeit in der Phospahtminenregion im Süden des Landes. Die Menschen protestierten tagelang, die Regierung unterdrückte die Bewegung durch ein totales Blackout der Medien und der Verhaftung der Anführer der Bewegung. Auch spätere kleinere Aufstände wurden durch massive Polizeipräsenz und Gewalt beendet. Der Ärger unter den Tunesiern wuchs mit jedem weiteren Akt der Unterdrückung seitens des Regimes und verbreitete sich in allen sozialen Schichten des Landes. Der Selbstmord von Mohamed Bouazizi brachte schließlich das Fass zum Überlaufen und endete mit der Flucht von Zine El Abidine Ben Ali. Für viele Jahre wahrte das Regime den Schein gegenüber allen anderen Ländern. Die Regierung wendete große Summen an Geld auf, um die Reputation Tunesiens in der ganzen Welt aufrecht zu erhalten. Das Land schien ein Modell für den wirtschaftlichen Erfolg und die Freiheit zu sein, ebenso schien der Status der Frau in der Gesellschaft garantiert zu sein. Aber die Realität war anders. Und als Bouazizi sich in Brand setzte, breiteten sich die Proteste über ganz Tunesien aus, anfangs als soziale und wirtschaftliche Demonstrationen, die sich aber schnell in politische Proteste umwandelten. Die Proteste wurden auf 2 Ebenen durcfhgeführt, die einen protestierten auf der Straße, die anderen führten ihren Kampf im Internet. Ich gehöre zu der zweiten Kategorie. Ich bin Bloggerin seit dem Jahr 2007 und habe immer gegen Zensur und für die Menschenrechte gekämpft. Junge Menschen waren der Treibstoff für diese Revolution. Heute stehen wir jungen Tunesier vor der vielleicht größten Herausforderung unseres Lebens. Der Diktator mag gegangen sein, aber die Situation ist noch nicht bereinigt, die Kräfte der Demokratiegegner sind noch da und versuchen weiterhin, überall Unruhe und Gewalt zu verbreiten. Wir Jugendlichen erfüllten das "Yes we can!" Aber jetzt müssen wir für eine echte Demokratie in unserem Land weiterkämpfen!
Lina Ben Mhenni, 27, ist ein Bloggerin und Lehrerassistentin an der Universität von Tunis. Sie schreibt auch Beiträge bei Global Voices, einer Online-Blogging-Community. Für Ihren Blog "A Tunisian Girl" wurde Lina Ben Mhenni kürzlich von "The Daily Beast" zu einer der mutigsten Bloggerinnen der Welt ernannt.
Quellen: Ursprungsartikel in "The Star" Blog "A Tunisian Girl"
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