|

Gedanken zum islamisch-christlichen Konflikt der Neuzeit von Amor Ben Hamida. Sprich: "Wir glauben an Allah und an das, was auf uns herabgesandt worden ist, und was herabgesandt worden ist auf Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und die Stämme Israels, und was gegeben worden ist Moses und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn; wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm sind wir ergeben." (Aus dem Heiligen Koran, Sure Al-Imran, 3:48)
In einer Zeit, wo lauter Unterschiede und Widersprüche als Argumente für die Kultur- und Religionskonflikte herbeigezogen werden, sollten wir im Sinne einer Deeskalation der gravierenden Probleme – besonders zwischen Christen und Moslems – einige Gemeinsamkeiten hervorheben. Wer heute an eine Moschee denkt, verbindet sie mit dem Islam, dann verbindet er den Islam mit dem 11. September und mit Terrorismus. Es gab ja auch Zeiten, da verband man das Kreuz mit Krieg, Mord und Plünderungen. In jenen Zeiten, als sich Christen und Moslems die Köpfe einschlugen, wo Juden verfolgt wurden, da konnten nur wenige Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben - auf beiden Seiten! Heute haben wir keine Ausrede mehr für “Nichtwissen”. Wir wissen alle, dass Christentum die Weiterführung des Judentums ist. Und wir Moslems glauben, dass der Islam die Weiterführung beider vorheriger Religionen ist. Warum wir also heute immer noch diese Religionskonflikte haben und trotz zunehmender Anstrengung auf beiden Seiten, die jeweils andere Seite zu verstehen, Hass und Misstrauen herrschen, kann nicht auf die Religionen zurück geführt werden. Vielmehr ist es unsere Geschichte, die uns belastet. Wer heute noch Terroranschläge mit dem Islam in Verbindung bringt, begeht denselben Fehler wie jener, die die Verfolgung der Juden auf das Judentum zurückführt und nicht auf den habgierigen, wirtschaftlich motivierten Neid. Denn: wie kann eine christliche Gemeinschaft eine jüdische Schicht im Namen eines Propheten verfolgen, der selber Jude war? Wie kann ein Moslem Christen töten, wo Gott ihm den Glauben an Jesus auferlegt? Und wie kann ein Jude einen Moslem wegen seines Glaubens angreifen, wo beide an Moses und Abraham glauben? Die weltweiten Konflikte, die wir heute noch austragen, sind nicht mehr auf die Religionen abzuwälzen; Religion wird aber als Motiv für Anschläge, Kriegserklärungen und Gewalt vorgeschoben. Das ist auch die einfachste Erklärung, denn wer geht schon hin und liest die Thora, die Bibel und den Koran (außer einem Gelehrten), um festzustellen, dass es – um ein Beispiel zu nennen – im Islam verboten ist, sich selber zu töten und somit jeder Anschlag, der mit eigenen Tod endet oder dabei Unschuldige zu Schaden kommen, ein verschlossenes Tor zum Paradies mit sich bringt? Oder dass eine wichtige Maxime im Islam lautet: “Läkum dinukum uä liä dini” – ihr habt euren Glauben und ich habe meinen? Oder dass im Koran der Moslem aufgefordert wird, mit Andersgläubigen “in bester Weise zu streiten” (also verbal, friedlich und gutgesinnt!)? Globale Feindlichkeit gegenüber einer andersgläubigen Gesellschaft lässt sich im Islam weder nachvollziehen noch rechtfertigen. Es ist auf beiden Seiten einfacher, an eine lange geschürte Feindschaft zu glauben, als sich mit den geschichtlichen und inhaltlichen Tatsachen auseinanderzusetzen. Die nachfolgende Passage ist aus der Sure “Al Ma’ida”. Sie sollte uns Moslems, Juden und Christen geradezu vereinen um den Einen Gott und nicht spalten: Wir ließen ihnen Jesus, den Sohn der Maria, folgen; zur Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war; und Wir gaben ihm das Evangelium, worin Rechtleitung und Licht war, zur Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. (Aus dem heiligen Koran, Sure Al-Ma’ida, 5:46) Es wird allgemein angenommen, dass Religionen Konflikte schürten oder sie verschärften; dabei wird oft vergessen, dass lange vor den heute in Konflikt stehenden Religionen schwere und anhaltende Kriege geführt wurden, so zum Beispiel die Jahrhunderte lang dauernden punischen Kriege zwischen Karthago und Rom, dem heutigen Tunesien und Italien. Es ging aber keinesfalls (wie wir heute wissen) um Religion, sondern um Macht und Wirtschaft. Hat sich seither etwas verändert? Waren etwa die Kreuzzüge rein religiös motiviert? Kamen die türkischen Moslems aus religiösen Gründen bis vor die Tore Wiens? Haben der erste und der zweite Weltkrieg, der Vietnam- und der Koreakrieg, die Golfkriege mit Religion zu tun? Was also ist unser Problem? Es begann gegen 1850. Europa brauchte Rohstoffe und billige Arbeitskräfte. Beides war in Afrika zu haben. So drangen westliche Armeen in Nordafrika ein und eroberten mit großem Feuer ganze Länder. Frankreich und England teilten sich regelrecht Nordafrika und den Nahen Osten. Was hier die nächsten fast hundert Jahre passieren wird, bestimmt das heutige Weltbild maßgeblich: verschiedene politische Systeme, Weltanschauungen und Religionen trafen aufeinander, wobei die überfallene Bevölkerung zwar ihren Glauben behalten, aber sich dem neuen politischen und wirtschaftlichen System der Besatzer unterordnen musste. Diese Kolonialzeit birgt heute noch ein großes Potential für Rache, Hass und Gewalt. Hier müssten Politiker ansetzen, um die Vergangenheit zu bewältigen und Schaden zu ersetzen. Der Reichtum Europas und die Armut der dritten Welt basieren (zum Teil) auf diese gewaltsame Einvernahme ganzer Länder und halber Kontinente durch einzelne europäische Mächte des neunzehnten Jahrhunderts. Und (fast) jeder, heute noch lodernde Konflikt (Naher Osten, Indien/Pakistan, Korea, um nur einige zu nennen) ist auf die Kolonialzeiten zurückzuführen. Die wenigsten Historiker sehen diese Kolonialzeiten als terroristische Akte an, und die allerwenigsten nennen sie so. Vielmehr werden diese Ereignisse, wo Millionen von Menschen ihr Leben verloren haben, als historische Entwicklung, als unvermeidbare Handlung im Interesse des eigenen Reichtums und Wachstums angesehen. Mit einem Abstand von mehr als hundert Jahren können Europäer heute nüchtern über die Details der Ermordung, Unterdrückung und teilweise Ausrottung ganzer Völker in Afrika, Asien und Amerika lesen. Die Betroffenen hingegen haben naturgemäß ein längeres Gedächtnis: geht man davon aus, dass allein im Kongo schätzungsweise zehn Millionen Menschen direkt oder indirekt an den Folgen der belgischen Kolonialzeit ihr Leben verloren haben, so ist nahezu jeder zweite heute lebende Kongolese durch den Tod eines nahen oder fernen Verwandten betroffen. Es sind nicht die Religionen, die uns trennen, es ist unser eigenes Handeln in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Wie tragisch würde die Behauptung für einen Juden tönen, wenn in hundert Jahren die Zeit des Nationalsozialismus als für das damalige Deutschland notwendiges Phänomen im Bestreben der Regierung, die eigene Bevölkerung zu schützen, bezeichnet würde. Und wie unfassbar tönt es für einen New Yorker, wenn man den elften September 2001 irgendwann in einem Geschichtsbuch emotionslos als nachvollziehbaren, unumgänglichen Akt erwähnt. Wie wir heute die Eroberungen, Kriege und Katastrophen in einem Reisebuch über ein Land als simple Ereignisse aufzählen, werden in späteren Zeiten unsere heutigen Tragödien wie eine Kette bedeutungsloser, ferner Ereignisse aneinandergereiht. Das ist wohl die “condition humaine”. Wir aber sollten heute, in dieser sich globalisierenden Welt, nicht nur dem freien Handel unsere Aufmerksamkeit schenken, sondern uns auch unserer Geschichte, unserer Zukunft als Menschheit, dem Zusammenleben und der Zufriedenheit nachkommender Generationen widmen. Soeben haben die Moslems das Opferfest gefeiert, wo sie Abrahams gedenken. Die Christen befinden sich in der Adventszeit, wo sie die Geburt des Propheten Jesus feiern werden. Es ist eine gute Gelegenheit, auf beiden Seiten inne zu halten und sich zu besinnen – nicht auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten! In diesem Sinne wünsche ich meinen christlichen Freunden und Mitmenschen gesegnete Weihnachten und ein gesundes 2009! “Assalamu aleikum ua rahmatu’ Llahi ua barakatuhu” – Friede sei mit euch, Gottes Gnade und Sein Segen … Amor Ben Hamida Zürich, Dezember 2008

Amor Ben Hamida, geboren 1958 in Medenine (Süd-Tunesien), lebt und arbeitet in Zürich. Er wuchs im Kinderdorf Pestalozzi, Trogen, auf, wo er mit Kindern aus verschiedenen Nationen, Religionen und Sprachen zusammen gelebt und schöne Kindheitserinnerungen behalten hat. Sein Leben wurde durch diese Erfahrung von Toleranz und multikultureller Umgebung geprägt. Er gibt seine Erfahrungen mit Integration in Büchern, Referaten und Lesungen weiter. Weiterführende Links: http://www.benhamida.ch Kinderdorf Pestalozzi (Trogen, Schweiz) Bücher von Amor Ben Hamida |